Gamification

„Gamification schafft Change, der Spaß macht!“

Gamification ist in aller Munde und immer mehr Unternehmen entdecken den Trend für sich. Bisher noch meist zur Mitarbeitermotivation genutzt, entwickelte sich in letzter Zeit, wie auch Joachim Rotzinger in diesem Blogbeitrag zeigt, ein neues Einsatzgebiet: Die Transformation von Unternehmen. Wir unterhielten uns dazu mit Roman Rackwitz, der 2009 Deutschlands erste Gamification-Agentur Engaginglab gründete. Der Gamification- Pionier gab uns Einblicke zu Chancen und Grenzen der spielerischen Methoden im Bereich der Unternehmenstransformation.

Herr Rackwitz, Sie definieren „Gamification“ als die Anwendung von Spielprinzipien in einem nicht-spielerischen Kontext. Letzteren bieten gerade Unternehmen. Ist die Anwendung von Gamification dort also ein Paradebeispiel?

Definitiv! Es kommt natürlich auf die Art der Anwendung an. Gamification mit einem Belohnungssystem gleichzusetzen, wäre grundlegend falsch. Dieser Vergleich funktioniert nur oberflächlich. Gamification basiert nicht auf dem Prinzip „Man macht das eine und bekommt dafür das andere“. Man spielt viel mehr, um sich der Herausforderung, die das Spiel symbolisiert, zu stellen und am Ende eine Lösung für das Problem zu finden. Der menschliche Spieltrieb führt zur Motivation.

Gerade diese Motivation der Mitarbeiter ist in Change-Prozessen erfolgsentscheidend. Wie kann der Einsatz von Gamification im Unternehmen dabei unterstützen?

Zuerst müssen Unternehmen die künstliche Barriere zwischen Spiel und Arbeitsalltag aufheben. Einer bekannten deutschen Edel-Burgerkette und einer ebenso namhaften mexikanischen Cocktailbar haben wir genau dabei geholfen. In beiden Fällen setzen die Mitarbeiter nun Tablets ein, die ihnen die wichtigen Kennzahlen ihrer eigenen Arbeit zeigen: „Welche Speisen verkaufe ich am meisten?“, „Wie oft helfe ich Kollegen aus?“ oder „In welchen Zusatzaufgaben bin ich besonders gut?“. Das ist das Spielbrett. Auf dem Dashboard, der zweiten Komponente des „Spiels“, sind ebenjene Fähigkeiten, Ressourcen und Erfolge visualisiert. So sieht jeder Mitarbeiter seine ganz persönliche Performance und kann selbst entscheiden: Baue ich meine Stärken aus oder arbeite ich an meinen Schwächen?

Das klingt interessant. Wie reagieren Mitarbeiter in der Regel auf solche spielerischen Ansätze?

Wenn man die Kellner aus dem oben genannten Beispiel fragen würde, würden sie nie sagen, dass sie ein Spiel spielen. Und doch lassen sie sich unterbewusst zu besseren Leistungen anspornen – und haben nebenbei Spaß an dem, was sie tun. Für dieses Ergebnis ist es unabdinglich, dass das System auf Freiwilligkeit basiert: Wer nicht spielen will, dem entstehen keine Nachteile. Mit diesen Voraussetzungen kam der Change im Verhalten wie von selbst und hat den Mitarbeiter ganz nebenbei Vergnügen bereitet.

Und genau hier offenbart sich der Unterschied zwischen Gamification und dem oben genannten Belohnungssystem: Bei letzterem werden Mitarbeiter belohnt, wenn sie genau die Leistung erbringen, die von ihnen erwartet wird. Entsprechend besteht kein Grund, darüber hinaus zu handeln. Gamification motiviert Mitarbeiter, sich aus eigenem Antrieb selbst zu übertreffen.

Welche Herausforderungen bringt der Change für Organisationen allgemein und wie kann Gamification helfen, sie zu bewältigen?

Ein Wandel in Unternehmen stellt diese meist deshalb vor Probleme, weil die Mitarbeiter ihre Komfortzone nicht verlassen wollen. Gerade Spiele sind aber geprägt von Veränderung – und machen genau deshalb Spaß. Denn wenn Spielabläufe vorhersehbar sind, wird es langweilig. Es gibt also bestimmte Bedingungen, unter denen der Mensch Veränderungen sogar mit Vergnügen erfährt.

Bedingungen, die Mitarbeiter freiwillig aus ihrer Komfortzone treten lassen – welche sind das?

Vorrangig sind es drei Prämissen, die Gamification-Methoden erfüllen und damit den Change in Gang bringen: Erstens bieten sie Gestaltungsspielraum für die Mitarbeiter. Sie entscheiden selbstständig über ihr Handeln, es gibt keine Hierarchien. Zweitens gibt es eine hohe Informationstransparenz. Denn Mitarbeiter können nur dann die richtigen Entscheidungen treffen, wenn sie alle relevanten Informationen haben. Und last but not least verfügen sie über eine starke Feedback- und Vertrauenskultur. Mitarbeiter, die durch die ersten beiden Bedingungen selbstbestimmt arbeiten, brauchen regelmäßiges Feedback, um weiterzukommen – genauso wie im Spiel.

Und wenn all diese von Ihnen genannten Voraussetzungen gegeben sind, macht Change wirklich Spaß?

Auf jeden Fall! Arbeitnehmer und Unternehmen sind momentan noch sehr stark auf die industrielle, hierarchische Denkweise getrimmt, was in Change-Projekten ein Umdenken hemmt. Gamification kann helfen, einen Paradigmenwechsel anzustoßen. Unternehmen müssen zunächst die genannten Prämissen – Gestaltungsspielraum, Informationstransparenz und Feedback – so gut wie möglich umsetzen. Erst dann haben Mitarbeiter weniger Probleme damit, sich auf neue Herausforderungen einzustellen. Orientierung geben Start-Ups, denn in deren Unternehmenskultur ist die stetige Veränderung fest verankert – und dennoch sind sie als Arbeitgeber sehr beliebt.

 

Wie dieser Paradigmenwechsel in der Praxis gelingen kann und welche Methoden welche Herausforderungen spielerisch lösen können, dazu spricht Roman Rackwitz in den nachfolgenden Beiträgen auf dem Visionsblog.

 

 

RomanRackwitzÜber Roman Rackwitz
In seiner Jugend häufig zu Besuch bei seiner Familie im Silicon Valley, erlebte Roman Rackwitz dort live die Geburtsstunde von Gamification. Er studierte International Management und Strategisches Marketing in England und Deutschland und gründete nach seinem Abschluss Deutschlands erste Gamification-Agentur Engaginglab. Seit 2013 ist er zudem Senior Partner bei der Enterprise Gamification Consultancy LLC und wurde ein Jahr später unter die Top 10 Gamification-Gurus der Welt gewählt. Seit 2015 nutzt der Gamification Experte sein Wissen, um als Mitgründer von Wunderland Media das Social Media Engagement von Unternehmen zu steigern. Er ist Vorsitzender der Gamificationskonferenz GamifyCon und Mitbegründer von Gamfed, der weltweit ersten Gamification Association.

Kommentare

  1. Lego® Serious Play®: Spielerisch Visionen entwickeln am

    […] wir im Rahmen unserer erfolgsbasierten Transformationsberatung Rhythmix einsetzen. Über weitere spielerische Ansätze berichten wir in den nächsten Wochen auf dem […]

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  2. Haufe Success Score: Erfolgsformel für die Transformation am

    […] steht die Erarbeitung eines Haufe Success Score am Ende einer Reihe von Gamification-Workshops, in denen Transformationsprojekte kollaborativ entwickelt werden. Besonders effektiv ist unserer […]

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  3. Vier Fallen bei der Einführung von Gamification: Spiel ist nicht gleich Spiel am

    […] mit Gamification-Pionier Roman Rackwitz und dem Haufe-Experten Manuel Grassler haben wir vier klassische Fallen analysiert, die Sie vor dem […]

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  4. Richard am

    Hi Haufe,

    ein sehr spannendes wie wichtiges Interview haben Sie da veröffentlicht.

    Immerhin leben wir im 21. Jahrhundert und mittlerweile fernab von veralteten Führungsmethoden in Unternehmen. Leider ist dies noch nicht bei allen angekommen. Gamification gehört meiner Meinung nach schon lange in etablierte Unternehmen eingeführt. Es hilft den Mitarbeitern ihre Arbeit mit einer neuen Motivation zu verrichten und kann demnach das komplette Unternehmen auf ein ganz neues Level – ganz ohne Zwang und Druck heben – aber ich wiederhole ja doch nur was Sie schon so ausführlich mit Herrn Roman Rackwitz, im Interview, besprochen haben.

    Da ich in der Mediengestaltung tätig bin, müssen wir immer wieder lernen mit Programmneuerungen sowie kompletten Programmumstellungen klar zu kommen. Hierfür werden wir immer wieder in Schulungen geschickt, die sowohl mehr als nur theoretisch sind als auch sehr an die wirkliche Schule erinnert – trocken langweilig und ohne jegliche Herausforderung.

    Dies geht mir und meinen Kollegen natürlich etwas auf die Nerven, zum einen weil sehr viel zeit für Arbeit verloren geht die danach nachgeholt werden muss – mehr oder weniger wird uns somit die Zeit geraubt unsere Arbeit weiter zu machen und dazu kommt das die trockene Theorie einen nicht vor un erwartenden Problem – die halt nun mal auftreten können – bewahrt.

    Und da in nächster Nahe wieder eine Schulung (noch nicht Planmäßig) angeschnitten wurde habe ich angefangen jegliche Informationen für andere Wege raus gesucht – so bin ich auch auf Ihrem Beitrag gelandet.

    Zudem habe ich einen Blog Beitrag zu:

    adaptivem lernen

    gefunden, wo der Punkt Gamification ebenfalls auftaucht.

    Learning by doing war mir eh schon immer die liebste alternative. Und wenn wir mal ehrlich sind: wer bitte – außer vielleicht eine Minderheit – lernt durch trockene Theorie?

    Diese Punkte und die Vorteile der Gamification im ganzen Unternehmen und auch Ihr Interview mit Herrn Rackwitz werde ich beim nächsten Meeting bei meinem Chef zur Sprache bringen. Wir leben schließlich nicht mehr im Mittelalter und ich sehe es schon kommen das die Gamification bald fester Bestandteil in vielen modernen Unternehmen sein wird.

    Ich Danke Ihnen für diesen herrlichen Artikel

    Liebe Grüße
    Paul

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    • Haufe am

      Lieber Paul,

      vielen Dank für Ihr umfassendes Lob. Es freut uns sehr, dass Gamification bei Ihnen ähnlich viel Begeisterung weckt, wie das bei uns der Fall ist. Es stimmt, mit dieser spielerischen Herangehensweise hebt man die Motivation der Beteiligten auf ein ganz neues Level – das merken auch wir in unseren Workshops immer wieder. Und Lernen ist, wie Sie ja bereits angesprochen haben, ein wesentlicher Bestandteil von Gamification. Roman Rackwitz hat hierzu übrigens auch mit unserem Haufe-Experten Manuel Grassler diskutiert. Dieser unterscheidet zwischen Game – mit dem primären Ziel der intrinsischen Motivation – und Play als Möglichkeit zum Lernen und Verstehen komplexer Zusammenhänge.

      Learning by doing ist auch ein wichtiges Stichwort. Gerade Haptik und Visualisierung sind wichtige Erfolgskriterien. Sollten Sie gerne selbst Gamification-Methoden einführen wollen, um Ihre Programmumstellungen und -erneuerungen etwas erfrischender zu gestalten, schauen Sie sich doch auch mal diesen Beitrag an. Dort haben wir kurz aufgelistet, welche Fallstricke es dabei zu beachten gibt. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg! 😉

      Das Haufe-Team

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  5. Paul-Richard am

    Hi Haufe,

    nix zu Danken, man muss halt auch mal lob aussprechen wenn Dinge einen begeistern.

    Auch Ihre verlinkten Beiträge habe ich mit Genuss gelesen, zumindest bin ich jetzt schon mal vorbereitet wenn es bei uns im Geschäft endlich mit einer Anständigen Schulung los geht.

    Ihren Blog habe ich meinen Chef wärmstens empfohlen und die neuen Links die Sie mir verlinkt haben werde ich auch umgehend an Ihn weiterleiten. Ich Denke so haben alle was davon.

    Bitte immer weiter so
    Dein Paul

    Antworten

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