Hermann Arnold_Work-Life-Blending

Ist Work-Life-Blending die bessere Work-Life-Balance?

Ich stolpere in letzter Zeit vermehrt über kritische Artikel zum vermeintlichen Trend Work-Life-Blending. Im Gegensatz zur Work-Life-Balance impliziert es ein Verwischen der Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, sprich: Immer mehr Menschen nehmen die Arbeit mit nach Hause – und sei es „nur“ in Form beruflicher E-Mails auf dem Smartphone. Das klingt so gar nicht nach Balance. Und dass Erholung und Entspannung dabei zu kurz kommen, verwundert erstmal nicht.

 

Doch genau genommen ist das Problem gar nicht neu. Auch früher schon hat uns die Arbeit nach Feierabend nicht losgelassen: Beim Spaziergang, auf dem Sofa, während Familienfesten denken wir über verschiedene berufliche Herausforderungen nach und das mit teils verblüffendem Effekt: Inspiriert durch bürounabhängige Impulse kommen wir innerhalb kürzester Zeit auf Lösungen, über denen wir im Büro Stunden gebrütet hätten. Der einzige Unterschied zu früher ist, dass wir mittlerweile auch unsere Arbeitsmittel in Form elektronischer Geräte mit nach Hause nehmen. Somit warten wir nicht damit, unsere Ideen am nächsten Tag im Büro zu verschriftlichen, sondern kümmern uns sofort darum – und nehmen verstärkt wahr, dass Berufliches auch in unserer Freizeit stattfindet.

 

Das eigentliche Problem, das ich hier sehe, ist die formelle Einseitigkeit dieses Verschwimmens der Grenzen. Wenn die Arbeit in die Freizeit ausfranst, muss im Gegenzug unterstützt und anerkannt werden, dass in der Arbeitszeit auch Privates stattfindet. Im Grunde passiert das sowieso – in gleichem Maße wie wir berufliche Herausforderungen mit in den Feierabend nehmen, beschäftigen uns private Belange am Arbeitsplatz. Bedenken dürfen wir sie dort aber meist nicht, während die Bearbeitung beruflicher Aufgaben in der Freizeit immer stärker erwartet wird. Und hier sind wir beim eigentlichen Problem angelangt: Es gibt nach wie vor Unternehmen, die beispielsweise die Nutzung von Facebook oder private Telefonate während der Arbeit verbieten, aber gerne sehen, dass abends noch Mails bearbeitet werden. Und die meisten Arbeitnehmer, die das tun, haben trotzdem ein schlechtes Gewissen, wenn sie während der Arbeitszeit Privates erledigen.

 

Die Lösung kann nicht das erzwungene Ablegen des Mobiltelefons sein. Vielmehr liegt die Lösung im Menschen selbst, der zwei wesentliche Kompetenzen erlernen muss:

 

  1. Lernen, sich abzugrenzen und definierte Abschnitte der Freizeit vollkommen ohne berufliche Ablenkungen zu gestalten. Einfach einmal nichts zu tun oder sich aktiv mit anderem zu beschäftigen – beispielsweise mit sportlichen Aktivitäten, die die Konzentration auf Dinge weit ab von der Arbeit lenken.

 

  1. Lernen, beruflich an einer Sache konzentriert zu arbeiten und sich nicht durch Privates ablenken zu lassen. Im Idealfall bleibt so weniger Arbeit am Ende des Tages liegen, die einen während der Freizeit beschäftigt.

 

Auf Unternehmensseite sehe ich besonders eine zu erlernende Kompetenz: Den Mitarbeitern mehr Vertrauen zu schenken. Wichtig ist, dass alle Aufgaben zu gegebener Zeit erledigt sind. Wann das gemacht wird, ist zweitrangig. Wenn ein Mitarbeiter sich abends auf seinem Balkon einer Aufgabe widmet und diese innerhalb einer Stunde abschließt, während er im Büro möglicherweise doppelt so lange gebraucht hätte, muss das als positiv gewertet werden. Im Gegenzug muss er aber auch mal während der Arbeitszeit aus dem Büro gehen dürfen, um beispielsweise die Schulaufführung seiner Kinder anzuschauen oder private Besorgungen zu machen.

 

Wenn Work-Life-Blending als Chance statt als Problem begriffen wird, schließen sich Work-Life-Blending und Work-Life-Balance nicht aus – zum Vorteil von Mitarbeitern und Unternehmen.

 

Welche Erfahrungen haben Sie mit Work-Life-Blending gemacht? Und wie gehen Sie und ihre Mitarbeiter damit um?

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