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Von Macht hin zu Ermächtigung

Macht ist das größte Hindernis für positive Veränderungen in der sich stetig weiterentwickelnden modernen Arbeitswelt.

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„Macht korrumpiert. Absolute Macht korrumpiert absolut.“

– John Dalberg-Acton

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„Got to give us what we want!
Got to give us what we need!
What we got to say:
Power to the people, no delay!
To make everybody see
We’ve got to fight the powers that be!“

– Public Enemy, „Fight the Power“

 

In weniger als einem Jahrzehnt werden drei Viertel der Erwerbstätigen weltweit einer Generation angehören, die eine transparente, gleichberechtigte, soziale Arbeitskultur fordert – genau das Gegenteil der hierarchischen Strukturen also, die im letzten Jahrhundert von den Mächtigen aufgebaut wurden.

 

Wir alle kennen die Auswirkungen: Machtmissbrauch am Arbeitsplatz hat zu einer Erosion der Mitarbeiterloyalität und zu einer immer höheren Fluktuation, in manchen Fällen gar zu offener Auflehnung geführt. Es ist an der Zeit, dass Führungskräfte sich dem Wandel öffnen und gegen die bestehenden Machtstrukturen kämpfen. Das soll natürlich nicht in einer Arbeitsplatzanarchie enden. Vielmehr müssen wir eine neue, die Basis einbeziehende und auf viele Schultern verteilte Verantwortung entwickeln, die der Erkenntnis entspringt, dass Unternehmen von den Mitarbeitern geführt werden.

 

Welche Art von Macht müssen wir dafür bekämpfen? Die Art, die der Duden definiert als „Befugnis, Möglichkeit oder Freiheit, über Menschen und Verhältnisse zu bestimmen [und] Herrschaft auszuüben“. Herrschaft – Zwang, Einschüchterung, Drohungen – darf in der Kultur, die Unternehmen schaffen müssen, um die für den wirtschaftlichen Erfolg nötigen Mitarbeiter zu gewinnen, zu inspirieren und zu halten, keine Rolle spielen.

 

Auch diese Unternehmenskultur hat mit Macht zu tun – es geht um Ermächtigung.  Einem Mitarbeiter zu befehlen oder ihn zu zwingen, etwas zu tun, stellt eine Verteidigung von Herrschaft dar. Einen Mitarbeiter zu ermächtigen, sich für Handlungen zu entscheiden, die Vorteile für das Unternehmen, seine Kunden und Kollegen und auch für den Mitarbeiter selbst bringen, bedeutet Macht, die erschafft, anstatt zu zerstören.

 

Hierarchische Macht ist mit fossilen Brennstoffen vergleichbar: Sie verschmutzt das berufliche Umfeld, verursacht hohe menschliche Kosten, weil Mitarbeiter sie mithilfe von Machtpolitik im Büro anstreben und für sich nutzen möchten, und ist letztlich eine endliche Ressource, die sich erschöpfen wird. Ermächtigung ist erneuerbare Energie: Sie ist sauber, in unendlicher Menge vorhanden und erzeugt, je stärker sie genutzt wird, eine umso intensivere Dynamik. Machtausübung am Arbeitsplatz senkt die Mitarbeiterloyalität und erzeugt ungesunde „Schattenorganisationen“, in denen kreative, innovative Mitarbeiter dazu gezwungen sind, ihr Arbeitsleben in abgeschiedenen, geheimen Zellen zu fristen, ohne Kontakt zum Unternehmen als Ganzes. Ermächtigung erzeugt eine das ganze Unternehmen erfassende Dynamik, die Innovation, Zusammenarbeit und das Erreichen ambitionierter Ziele fördert.

 

Um die zerstörerische Form von Macht zu bekämpfen, müssen wir das klassische Management abschaffen und durch echtes Leadership ersetzen. Management bedeutet, Ressourcen zu manipulieren, um klare Aufgabenstellungen abzuarbeiten. Leadership hingegen heißt, produktive Veränderungen zu schaffen, um die noch unbekannten Herausforderungen der Zukunft anzugehen. Manager haben Untergebene. Leader haben Mitarbeiter, die ihrem Beispiel gerne folgen. Manager können keine Inspiration zum Wandel bieten, weil Veränderung ihrer Stellenbeschreibung widerspricht. Leader hingegen bestärken den Wandel und befähigen das Unternehmen damit zu einer beherrschenden Marktposition.

 

 

Wie unangemessen die Ausübung von Macht am Arbeitsplatz heutzutage ist, zeigt ein Blick auf die junge Generation, die bald 75 Prozent der Arbeitnehmer weltweit stellen wird. Diese Menschen werden weniger durch Geld motiviert als vielmehr durch die Möglichkeit, etwas zu bewegen. Sie fordern von ihren Arbeitgebern Ehrlichkeit, Transparenz, gute Zusammenarbeit und Vertrauen. Ihren Arbeitsplatz wählen sie stärker anhand einer positiven Unternehmenskultur und einer „bedeutungsvollen Aufgabe“ als auf Grundlage des Gehalts aus. Über 90 Prozent junger Arbeitnehmer sind der Meinung, dass Unternehmen genauso sehr an ihren sozialen Auswirkungen wie an ihrem Gewinn gemessen werden sollten – und drei Viertel vertreten die Auffassung, dass ein zentraler Punkt jeder Unternehmensstrategie sein sollte, „in der Welt Gutes zu bewirken“.

 

Es ist das Machtsystem, das Menschen wie ihnen immer wieder vermittelt hat: „Hör auf zu träumen! Zurück an den Schreibtisch, Arbeiterbiene, und mach deinen Job. Als Belohnung bekommst du ein anständiges Gehalt.“ Doch für diese Denkweise hat die letzte Stunde geschlagen. Welchen Sinn hat es, wenn Unternehmen größte Mühen auf sich nehmen, um intelligente, flexible, innovative Menschen zu rekrutieren, und ihnen dann befehlen, am Schreibtisch zu sitzen und nur das zu tun, was man ihnen sagt? Diese Vorgehensweise vernichtet den Wert der Arbeitnehmer ebenso wie deren Wertvorstellungen und führt letztlich dazu, dass sie kündigen.

 

Unternehmen müssen Macht abbauen, um eine möglichst flache Unternehmenshierarchie zu erschaffen und eine Kultur zu erzeugen, die für maximale Mitarbeiterermächtigung steht. Wenn Unternehmen innovative Mitarbeiter rekrutieren wollen – was heute jedes Unternehmen tun muss –, müssen sie auch eine Umgebung schaffen, in der Innovationskraft aufblühen kann: Weniger Macht, mehr Ermächtigung.

 

Für manche Menschen klingt ein Unternehmen mit ermächtigten Mitarbeitern, die die nötige Energie haben, um Innovation und gute Zusammenarbeit zu fördern und so das Unternehmen voranzutreiben, wie ein undisziplinierter Selbstbedienungsladen, der nichts erreicht. In Wahrheit zeigt die Erfahrung in Unternehmen, die auf Ermächtigung setzen, dass die gemeinsame Fähigkeit, Herausforderungen zu meistern, Chancen schnell und entschlossen zu nutzen und rasch auf Bedrohungen zu reagieren, wesentlich größer ist, wenn die Verantwortung dafür möglichst breit verteilt wird.

 

Ich bin kein verträumter Utopist. Ich weiß, wie hart es für ältere Vorgesetzte in einem Unternehmen ist, das bequeme Nest, das sie über Jahrzehnte erkämpft, aufgebaut und gestaltet haben, freiwillig aufzugeben. Selbst für zukunftsoffene Führungskräfte ist es schmerzhaft, ihre Macht und ihre Vorteile, die ihnen die hierarchische Struktur bietet, zu opfern.

 

Doch es gibt keine Alternative. Angesichts der Marktrealität und der Veränderungen der Erwerbsbevölkerung weltweit können Vorgesetzte entweder an der altmodischen Macht festhalten und dabei zusehen, wie ihr Unternehmen in der Bedeutungslosigkeit verschwindet, oder gemeinsam mit ihren Mitarbeitern eine Kultur der Ermächtigung schaffen.

 

Die Hip-Hop-Gruppe Public Enemy hat dies in ihrem Song „Fight the Power“ – der zur globalen Hymne der Arbeitnehmer von morgen werden könnte – auf den Punkt gebracht: „Give us what we want! Give us what we need! What we got to say: Power to the people, no delay!“



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