Zurück in die Zukunft

Was gerade bei Haufe-umantis geschieht ist ein mutiges Experiment: Demokratie im betriebswirtschaftlichen Rahmen. Man stelle sich das vor!

Dabei ist die Idee gar nicht so neu. Im Kern lebte sie schon in Gänze oder in Teilen in weltbekannten Unternehmen wie HP, W.L. Gore und unbekannteren wie der AES, Crytek oder SEMCO. Dort haben teils schon Dekaden vor Marc und Hermann, gleichermaßen intelligente Unternehmer für sich erkannt, dass Menschen wie Maschinen oder Armeen zu organisieren, nicht nachhaltig deren volles Potential freisetzt. Warum also ist die Wirtschaftsdemokratie nicht viel weiter verbreitet, trotz der erfolgreichen Pioniere? Man kann es auf 3 Themen reduzieren: Widersprüchlichkeit, Angst und Nachhaltigkeit.

 

Widersprüchlichkeit

Man stelle sich vor, die Mitarbeiter der Haufe-umantis würden sich kollektiv gegen weiteres Wachstum zu diesem Zeitpunkt aussprechen und für Konsolidierung. Dies entgegen der gegenwärtigen Markt-Opportunitäten. Entgegen einer ausgeklügelten Strategie. Entgegen der wirtschaftlichen Logik. Was würde geschehen?

Die Wirtschaft existiert für die Menschen, nicht die Menschen für die Wirtschaft. Dieser Ausspruch umreißt dieses oben beispielhaft angeführte Spannungsfeld zwischen den Konzepten Kommerz und Demokratie. Dies gilt in der Volkswirtschaft, wie in der Betriebswirtschaft. Doch wo in der Volkswirtschaft schon von der Terminologie das Volk zuerst kommt, ist dies in der Wirtschaftsdemokratie eben nicht der Fall. Doch Freiheit, Demokratie, dies sind keine wirtschaftliche Ziele, es sind menschliche Ziele.

Was wir in dieser Dekade im Leben erfahren haben ist, dass Demokratie keinen Wohlstand garantiert. Demokratie schafft nur einen freiheitlichen Rahmen für höchstmögliches Potential an nachhaltigem Wohlstand. Sie ist dabei jedoch nur so stark wie die Menschen, die sie beseelen. Die Demokratie als Motor für erhöhten Umsatz anzusehen, würde also den Karren vor den Esel spannen.

Trotzdem waren es eben Unternehmer wie Bill Hewlett und Dave Packard, Bill und Vieve Gore und Ricardo Semler, die es durch ihre Persönlichkeiten schafften, diesen Widerspruch mit ihren Mitarbeitenden in ein extrem profitables “Ja und” Szenario für alle Beteiligten zu wandeln. Die Demokratie ist also auch in der Führung geprägt durch die Führungspersönlichkeiten und wie diese mit Widerstand und Widerspruch umgehen. Also ihre Fähigkeit Kritik, Spannungen und Widersprüche als positive Energiequelle eines demokratischen Arbeitsumfelds zu schätzen und zu nutzen – anstatt sie als Probleme anzusehen.

Doch es gibt einen “Sweet Spot” für das Gelingen einer Demokratie. Man sehe sich die Entwicklung im mittleren Osten an. Ohne ein Mehr an Sicherheit und Wohlstand wünscht man sich schnell alte Zustände zurück.

Um dieses “Ja zu Demokratie und zu Profit” wird sich viel drehen in der weiteren Entwicklung der Haufe-umantis.

 

Angst

David Cole, der Chief Risk Officer der SwissRe, benannte “Angst” als größten Stolperstein auf dem Weg zu freiheitlichen Arbeiten im SwissRe Projekt “Own the Way you work”. Angst der Führung Macht und Einfluss zu verlieren. Angst in einem neuen freiheitlichen System die Kontrolle zu verlieren und trotzdem dafür haftbar zu sein. Angst der “entfesselten” Mitarbeitenden plötzlich keine große Klarheit über die eigene Rolle mehr zu haben, als die, welche man bereit und fähig ist herzustellen. Angst, scheinbar gradlinige Karriere und Gehalts-Entwicklungspfade aufgeben zu müssen und sie mit stetem Unternehmertum in eigener Sache ersetzen zu müssen. Angst, die scheinbare Sicherheit des Command & Control aufzugeben, ohne dafür eine andere fremdgestaltete zu erhalten.

Um es klar zu machen, wir sprechen hier von reifen Wirtschaftsdemokratien, in denen tatsächlich Grundlegendes im System verändert wurde – und nicht nur ein neuer Diktator demokratisch validiert wurde. Denn sonst geschieht das Gleiche wie in Command & Control Systemen. Hat man Zweifel, gibt es immer einen klaren Feind: Der Prozess ist unsinnig. Der Manager deppert. Die Strategie irre. Im echten demokratischen Rahmen ist man Beteiligter, nicht Betroffener. Die alten Entschuldigungen ziehen nicht mehr. Man ist in der Pflicht. Doch wo dies im Leben erlernt und geübt wurde, von Haushaltsplan bis Erziehung mündiger Kinder, muss vieles im betriebswirtschaftlichen Rahmen erst verlernt werden und mit kleinen Schritten neu aufgebaut. Doch der Markt um uns herum wartet auf niemanden und die Phase der Umorientierung kann schmerzhaft sein und zu Nachteilen gegenüber der klassisch organisierten Konkurrenz führen. Veränderung geschieht in der Geschwindigkeit von Menschen, nicht Plänen.

Und wenn die Demokratie nicht schnell den erhofften Effekt erzielt, hält man dann an ihr fest?
In guten und in schlechten Zeiten?
Feste Bindungen können Angst machen.

 

Nachhaltigkeit

Widerspruch und Angst sind in hart umkämpften Märkten erstmal Wettbewerbsnachteil. Sie binden Energien. Drehen den Fokus nach innen. Stellen Grundsätzliches infrage. Sind Findungsphasen. Sollten nun 2,3,4 Quartale ohne auf dem Excel-Sheet erkennbares Wachstum von sich gehen. Wird die Demokratie dann wieder abgestellt? Ist sie nur ein Experiment oder ein Bekenntnis ohne Umkehr?

Es sind spannende Zeiten für Pioniere wie Haufe-umantis. Doch Pioniergeschichten lesen sich besser wenn der Schatz gehoben, der Drache getötet und die Prinzessin gerettet wurde. Mittendrin fühlen sie sich hart an. Hart, schmerzhaft und schwer. Es gibt so viele Fragen. Wie definiert man Führung neu? Wie bringt man sich ein? Wie entscheidet man sinnig mit? Welche Instanzen übernehmen vitale Checks & Balances-Aufgaben, die in volkswirtschaftlichen Rahmen der Justiz und der Presse zukommen?

Es werden sich alle Mitarbeitenden jenseits der Hierarchien mit diesen Fragen, den eigenen Widersprüchen und Ängsten auseinandersetzen müssen, um das Potential des mutigen Experiments bei der Haufe-umantis zu einem Erfolg zu machen. Denn wenn Freiheit und Demokratie keine wirtschaftlichen Ziele sind sondern menschliche Ziele – dann liegen die erfolgreichen Antworten auf diese Fragen in den Menschen.

Denn sie sind Haufe-umantis. Sie führen die Firma.

 

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