Führung_Kraft der Widersprüche

Die (Führungs-)Kraft der Widersprüche

Wir kennen das alle: Widersprüche sind anstrengend! Ob sie nun von Teamkollegen kommen oder man eine Entscheidung vor sich hat, die an und für sich widersprüchlich ist – es kostet Nerven, sich mit Widersprüchen auseinanderzusetzen. Ich persönlich habe aber für mich als Führungskraft herausgefunden, wie viel Potential in Widersprüchen schlummert und Leitgedanken entwickelt, um zielführend mit Widersprüchen umgehen zu können. Dabei wurde mir klar: Widersprüche können Gold wert sein, wenn man es schafft, die richtige Haltung einzunehmen.

 

Der Grund-Widerspruch der Führungskraft

Als Führungskraft hat man ohnehin eine widersprüchliche Aufgabe: Man muss unterschiedliche Positionen miteinander verbinden – die Ziele des Unternehmens und die Interessen der Mitarbeiter. Beide Seiten sind wichtig. Und manchmal muss eine Führungskraft auch zwischen ihnen vermitteln: Denn ein Unternehmen lebt maßgeblich vom Engagement seiner Mitarbeiter und dennoch fallen manchmal Entscheidungen, die einige unter ihnen irritieren oder gar vor den Kopf stoßen – um des Unternehmens willen. Um zwischen diesen Polen zu Erfolg zu kommen, brauche ich als Führungskraft eines: Widerspruchskompetenz!

Widersprüche begleiten eine Führungskraft von Beginn an. Die Schlüsselkompetenz liegt meines Erachtens nicht darin, Widersprüche zu beseitigen, sondern sich ihrer bewusst zu werden und somit ihr schöpferisches Potential zu erkennen. Davon geleitet fällt es viel leichter, Widersprüche zu akzeptieren, anstatt sie aus Harmoniewillen unterdrücken zu wollen.

 

Widersprüche im Team: Aalglatt oder kreativer Störenfried?

Die Widersprüche beginnen im Unternehmen bereits beim Recruiting: Will man Mitarbeiter, die einem ähnlich sind und somit für weniger Reibung sorgen, oder wagt man es, innovativere Wege einzuschlagen? Ich plädiere dafür, sich vom bestmöglichen Ergebnis leiten zu lassen und nicht von persönlicher Präferenz. Auch wenn ein neuer Mitarbeiter für Reibung sorgen könnte: Ohne Reibung – kein Funke! Widersprüche im Team befeuern kreatives Denken. Und gerade in der heutigen Zeit brauchen wir Menschen, die mit Kreativität Dinge entwickeln, neu denken und den Funken erzeugen, der zum Gold unserer Zeit führt: Zu Innovation.

Das zeigt beispielsweise die Firma IDEO, die Erfinder der Maus für Apple. Hier wird bereits beim Recruiting darauf geachtet, dass neue Mitarbeiter die Kultur bereichern und erweitern, dass sie neue Ansichten mitbringen – anstatt Passgenauigkeit zu garantieren. Als Manager muss man das aber auch aushalten und dazu möchte ich gerne motivieren.

 


Was sagt die Theorie:

Management-Berater und Psychologe Edward de Bono hat das Potential von Widersprüchen im Prinzip in der „Denkhüte-Methode“ festgehalten: Dabei werden in einem Team Rollen zugeteilt, welche über farbige Hüte symbolisiert werden. Wer einen gelben Hut hat, ist Optimist, wer einen schwarzen Hut hat, agiert als Kritiker. Das führt zu einer Förderung von Widersprüchen im Team. Plötzlich ist Widersprechen nichts Störendes oder Negatives mehr, sondern wertvoller Impuls für den Entscheidungsprozess.
Adam Grant, Autor und Professor für Management und Psychologie, legt Unternehmen nahe, sich von Konformität zu befreien und Querdenker und Widersprecher bewusst zu rekrutieren und zu fördern. Nur so kann das nötige Maß an Flexibilität und Innovation hervorgebracht werden, das Unternehmen heute brauchen. Die „kreativen Störenfriede“ sind essentiell, um sinnlose Routinen zu hinterfragen, monotones Gruppendenken im Keim zu ersticken und für frischen Wind zu sorgen.
Friedemann Schulz von Thun empfiehlt daher die „integrale Führungskraft“, welche in sich verschiedene Pole vereint und somit ausgeglichen widersprüchlich agiert. Und das fördert im Idealfall auch die Akzeptanz von Widersprüchen im Team. Die integrale Führungskraft verbindet persönliche Nähe (Kontakt, Wertschätzung, Augenhöhe) mit professioneller Distanz (Autorität, keine Scheu, Konflikte anzusprechen). Die Kunst des Ganzen ist dann der richtige Mix / die richtige Balance: Wann passt welche Haltung am besten – und nicht entweder ausschließlich diese oder die andere.


 

Widersprüche in meiner Rolle als Geschäftsführer der Haufe Akademie

Widersprüche sind ein Thema, das jeden betrifft. Auch ich habe hier meine ganz eigenen Erfahrungen – schließlich bin ich nicht die einzige Führungskraft bei der Haufe Akademie, sondern verantworte gemeinsam mit drei weiteren Kollegen die Geschäftsführung. Das bedeutet: vier verschiedene Menschen mit mindestens ebenso vielen Führungsstilen bzw. -Präferenzen! Ich persönlich neige intuitiv dazu, im Wir-Modus zu denken und mit wenig Druck aber klaren Rahmenbedingungen auf Selbstorganisation und Eigenverantwortung zu setzen. Andere haben da eine klarere Kante und fordern direkter. Anfangs habe ich mir Gedanken um diese Unterschiede gemacht bis mir klar wurde, welche Chancen darin liegen:

 

Bei der Vielfalt an Herausforderungen an unsere Führungsarbeit ist die Bandbreite an Führungsstilen wirklich wichtig für den Gesamterfolg. Wir können voneinander lernen und jeder kann sein Spektrum erweitern. Dass das für Mitarbeiter manchmal inkonsistent oder widersprüchlich wirkt, ist leichter auszuhalten als eine hinderliche Reduzierung unserer Möglichkeiten zu intervenieren. Den jeder Stil sorgt für eine eigene Dynamik und viele unterschiedliche Dynamiken nebeneinander führen zu Lebendigkeit und Selbstreflexion. All dies führte auch die Haufe Group zu der Erkenntnis, dass tatsächlich unterschiedliche Führungsstile –von top-down-hierarchisch bis agil in Richtung Selbstorganisation und Unternehmensdemokratie – ihre Berechtigung haben und auch parallel existieren sollten. Diese Theorie hat sich im sogenannten „Haufe Quadranten“ manifestiert.

 

Doch nicht nur die Theorie, auch die Praxis zeigt: Wir arbeiten in einem Unternehmen, dessen Erfolg unter anderen darauf gründet, dass es sich selbst immer wieder herausfordert und reflektiert: Haufe hat es sogar gewagt, sein eigenes Kerngeschäft zu hinterfragen und das klassische Verlagsgeschäft sehr früh zu digitalen Arbeitsplatzlösungen umzugestalten – und damit die digitale Transformation erfolgreich eingeleitet und ein enormes Wachstum verzeichnet. Ohne Widersprecher wäre dies wohl nie geschehen. Gleichzeitig trägt Haufe sowohl den Geist eines traditionellen Familienunternehmens als auch die Energie eines Start-ups. Und genau diese Widersprüche beleben unsere Firmenkultur!

 

Viele Unterschiede fordern eine gemeinsame Basis

Seit ich dies erkannt habe, fällt es mir leichter, Widersprüche in meinem eigenen Verantwortungsbereich und bei meinen Mitarbeitern annehmen zu können – und nicht nur das, ich habe sie sogar schätzen gelernt. Doch bei all der Unterschiedlichkeit, Vielfältigkeit und dem Potential sinnvoller Widersprüche brauchen wir als Unternehmen aber auch ganz klar eines: Eine konsistente Wertebasis, die alle Beteiligten teilen. Nur auf dieser Basis können Widersprüche Früchte tragen. Ein stabiles Wertefundament dient sozusagen als sicherer Verhaltensleitfaden.

 

Verschiedene Seiten der Medaille: Dissens, Kreativität und Innovation

 

“Ich weiß sehr wohl, wie widersprüchlich man sein muss, um wirklich konsequent zu sein.”

Pier Paolo Pasolini

 

Was der italienische Regisseur und Autor hier festhält, scheint nochmals ein Widerspruch in sich. Damit trifft er die Thematik in seinem Kern! Widersprüche sind Teil unserer Realität, und erst mit ihnen ergibt sich ein umfassender und letztlich konsequenter Blick auf die Dinge. So unangenehm die anstrengende Seite von Widersprüchen sein mag, so wertvoll ist ihr innovatives Potential. Daher ist es nicht immer sinnvoll, Widersprüche auflösen zu wollen. Oft ist es hilfreicher, sie auszuhalten.

 

Aus meiner persönlichen Lernerfahrung habe ich folgende Tipps für den Umgang mit Widersprüchen entwickelt:

 

  • Für Mitarbeiter: Sprechen Sie an, wenn Ihnen etwas widersprüchlich erscheint. Tun Sie dies auf respektvolle Weise mit Verweis auf den geteilten Wertekanon des Unternehmens. Dies hilft Kollegen und Vorgesetzten, mit ihrer angebrachten Kritik positiv umgehen zu können.

 

  • Für Personaler: Widersprüche befeuern Innovation. Wagen Sie v.a. beim Recruiting den Schritt gegen Konformität und suchen Sie Querdenker, die die Firmenkultur kreativ bereichern.

 

  • Für Führungskräfte: Lassen Sie Ihren Teams Raum für widersprüchliche Sichten und ermutigen Sie, diese auszuhalten und zu schätzen. Gleichzeitig: Halten Sie die Balance zwischen notwendigen widersprüchlichen Haltungen in Ihnen, um als integrale Führungskraft ihre Mitarbeiter bestmöglich zu fördern.

 

  • Für Unternehmer / Geschäftsführer: Ihr klar kommunizierter Wertekanon bildet die Grundlage für die Unternehmenskultur. Schaffen Sie solide Leitlinien und haben Sie hierbei Widersprüche als Katalysator im Hinterkopf. Eine Unternehmenskultur, die kritische Stimmen oder Anders-Denker ausschließt, verbaut sich womöglich die Chance auf Top-Mitarbeiter und innovative Ideen für die Zukunft.

 

Das waren meine persönlichen Tipps für den Umgang mit Widersprüchen. Womöglich sind diese für Sie wiederum widersprüchlich. Was sind Ihre Erfahrungen mit Widersprüchen im Beruf? Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

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