Die moderne Arbeits­welt: Zwischen Illusion und Wirklich­keit

Donnerstagmorgen. Ich war die ganze Woche unterwegs, aber heute ist „Bürotag“ – seltsam, dass wir im Team noch diesen Begriff verwenden, obwohl wir gar kein Büro mehr haben. Das haben Sie genau richtig gelesen: KEIN Büro.

In unserem Team leben wir das, was in vielen Fachartikeln als die „Moderne Arbeitswelt“ beschrieben wird. Soziale Technologien statt Büro, flexible Arbeitszeiten und –orte statt Arbeit nach Stechuhr, Netzwerken statt Aufbau klassischer Hierarchiestrukturen, Teamverantwortung statt One-Man-Show. Wir erfahren jeden Tag, wie diese moderne vernetzte Arbeitswelt funktioniert – und wie nicht. Denn hinter einigen der neuen Trends verbergen sich auch Fallen: Sorgt die freie Zeiteinteilung für noch mehr Überstunden und Stress? Leidet die Teamfähigkeit und Interaktion unter der zunehmend virtuellen Zusammenarbeit mit sozialen Technologien? Verursacht das Aufbrechen der Hierarchien eher Missverständnisse oder tatsächlich mehr Agilität, Qualität und Innovation? Vornehmliche Wunschbilder erweisen sich im gelebten Arbeitsalltag als Illusion.

Unsere Erfahrung zeigt, dass es ganz ohne Hierarchie und Führung auch in Zukunft nicht gehen wird. Vielmehr verändert sich die Rolle der Führung im digitalen Zeitalter und wird dadurch umso wichtiger in komplexen Marktumfeldern. An die Stelle der alles kontrollierenden und steuernden Manager treten visionäre, wertschätzende Leader, die übergreifend denken, Stärken gut vernetzen und fördern können und so viele kleine agile „Startups“ im Unternehmen schaffen, die mit Eigenverantwortung, aber auch dem Freiraum, Dinge einfach auszuprobieren arbeiten können. Das stärkt Identifikation und Motivation, sorgt aber auch für eine erhebliche Beschleunigung der (Anpassungs-)Prozesse. Was so wunderbar harmonisch klingt, bedeutet aber nicht, dass Führungskräfte nicht gleichzeitig auch mal klare Ansagen machen, Leistung einfordern und den richtigen Kurs durchsetzen müssen.

Bei der Flexibilisierung von Arbeitszeit und –ort stoßen wir ebenfalls an Grenzen in unserem Arbeitsalltag, sobald sie den Organisationsaufwand überdimensional erschwert oder gar der Teamzusammenarbeit schadet. Social Intranets für die interne Zusammenarbeit bieten hier eine wertvolle technologische Basis. Einen Großteil unserer Projektabstimmungen können wir virtuell via Blogs oder Videokonferenzen lösen, die Aufgabenerfüllung in Projektcommunities realisieren und transparent für alle nachverfolgen, Fragen auf schnellem Weg in Chats beantworten oder neue Ideen in Foren diskutieren. Das alles ersetzt jedoch nicht den direkten Kontakt mit den Kollegen, im Gegenteil. Dieser ist wichtig für den Zusammenhalt und bei uns wird im direkten Kontakt die meiste Innovation kreiert.

Wie aus der Illusion Wirklichkeit werden kann:

Der größte Stolperstein, den wir selbst ebenso wie unsere Kunden auf dem Weg zur modernen Arbeitswelt bewältigen müssen, ist die kontinuierliche Weiterentwicklung der Kultur des Miteinanders. Ich bin der Überzeugung, dass die Einführung vernetzter und flexibler Arbeitsweisen nur dann sinnvoll ist, wenn sie erstens einem konkreten unternehmerischen Ziel dient (z.B. internationales Wachstum) und zweitens ganz konkrete Lösungen anbietet für die Bedürfnisse der Mitarbeiter (z.B. Home Office oder weniger Informationsüberflutung). Das muss man abholen und nicht einfach mit einer Technologie-Einführung überstülpen wollen. Eine Standardlösung für die Organisationsentwicklung zum vernetzten Unternehmen gibt es nicht. Jedes Unternehmen und jedes Team sollte für sich ständig reflektieren, wie es sein Arbeiten noch besser gestalten kann und auch ehrlich mit inneren Widerständen umgehen, insbesondere mit diversen Ängste, beispielsweise vor zu viel Transparenz, vor öffentlicher Kritik etc. Nur so kommt auch ein Kulturentwicklungsprozess in Gang in Richtung einer Organisation, die permanent lernt, besser wird, innoviert und vor allem bereit ist, sich auf soziale Technologien und veränderte Organisationsstrukturen einzulassen.

 

Welche Stolpersteine begegnen Ihnen, um moderne Arbeitswelten in Ihrem Unternehmen wahr werden zu lassen?  Welche Ideen haben Sie, um Unternehmen in die digitale Zukunft zu führen?

 

Photo Credit: Ryan McGuire via Gratisography

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Kommentare

  1. Frank Eberhard am

    Aus meiner Sicht ist einer der wirksamsten Mängel derzeit der Mangel an Formaten zur Zusammenarbeit zwischen kleinen Gruppen von Menschen.
    In den Unternehmen, die “klassisch” unterwegs sind, dominieren zwei Arbeitsformate: a) alleine am Schreibtisch sitzen und denken und arbeiten, b) mit mehreren Menschen um einen Konferenztisch herumsitzen und Positionen beziehen. Darüberhinausgehende Situationen guter Zusammenarbeit entstehen eher nur zufällig, wenn die richtigen Menschen in der richtigen Stimmung aufeinandertreffen und sie nicht von den Umgebungsbedingungen am Arbeiten gehindert werden.

    In innovativen, kreativen, dynamikrobusten, … Unternehmen werden unterschiedliche Formate von Einzel- und Gruppenarbeit je nach Kultur sehr viel bewusster eingesetzt, gepflegt und weiterentwickelt. Aber das könnte man steigern.

    Was gerade erst entsteht – und übrigens einer der Wettbewerbsvorteile Deutschlands in einer global vernetzten Informationsgesellschaft sein könnte – ist eine von der Art der Aufgabenstellung und den zur Verfügung stehenden Menschen abgeleitete und bewusst gewählte Arbeitsform. Diese kann für Minuten, Stunden oder Tage gelten bzw. geeignet sein. Sie folgt einem gewissen Muster, damit es erwartbare und damit ein Mindestmaß an Sicherheit bietende Rahmenbedingungen gibt, und liefert Ergebnisse einer vorhersagbaren Breite und Tiefe.

    In meiner Wahrnehmung wählen berufstätige Menschen für in Gruppen zu bearbeitende Aufgaben die Formate eher traditionell (s. oben) aus einer zu kleinen Auswahl oder sie wählen das Vorgehen spontan und damit ohne das angemessene Durchdenken.

    Gut durchdachte Zusammenarbeitsformate können die Lücke schließen. Sie geben dem “besser miteinander umgehen” Konkretheit und Struktur und auf der anderen Seite bringen sie der Ergebnis- und Lösungsorientierung das Menschliche in dosiertem Maße bei.

    Antworten
    • Regina Köhler am

      Lieber Herr Eberhard,

      vielen Dank für Ihren sehr guten und wichtigen Input. Da Arbeit zunehmend ortsungebunden stattfindet, halte ich es jedoch für relevant, diese Formate zusätzlich auch digital weiterzudenken. Während beispielsweise Social Software Tools bei einer effizienten Projektumsetzung helfen, indem sie kreative und konzeptionelle Prozesse unterstützen und die richtigen Experten ortsunabhängig miteinander vernetzen, schaffen Social Intranets gar erst die notwendigen zeitlichen Freiräume für Formate. Denn in ihnen können Kommunikation, Routineabläufe und viele Aspekte von Mitarbeiterführung stattfinden. Das schafft an anderer Stelle Raum und ermöglicht ein viel transparenteres, kreativeres und interdisziplinäreres Arbeiten.

      Da wir ohne Büro arbeiten, ist eines unserer Formate für die Zusammenarbeit das „CoWorking“. Diese gemeinsame Zeit ist so wertvoll für uns, dass wir genau darauf achten, auf welche Aufgaben wir sie verwenden. Alles andere wird in den virtuellen Raum verschoben. So sparen wir uns lange Meetings ohne Ergebnis und machen uns die Vor- und Nachteile sowohl des virtuellen Arbeitens als auch der persönlichen Zusammenarbeit sehr bewusst.

      Ganz grundsätzlich aber gilt – und das deuten Sie ja in Ihrem Kommentar auch an: Formate einzuführen und soziale Technologien zu integrieren, kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Unternehmenskultur die richtigen Bedingungen für deren Einsatz schafft. Der Kern aber ist, dass viele Unternehmen zu behäbig sind. Um besser zu werden, müssen sie sich aus ihrer Komfortzone bewegen. Veränderung tut da manchmal eben auch weh. Aber nur wer das berühmte Tal der Tränen überstanden hat und dran bleibt, kann Erfolge aus der Veränderung einsammeln.

      Viele Grüße,
      Regina Köhler

      Antworten

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