Rebellen für die Organisation anstatt Organisationsrebellen

Rebellen für die Organisation anstatt Organisationsrebellen

Dieser Text ist Teil unserer Blogparade und  wurde am 09. März 2018 von unserem Leser @Low_Performer eingereicht. Da er keinen eigenen Blog hat, haben wir ihm unsere als Plattform zur Verfügung gestellt. 

 

Ich gebe zu, dass ich ziemlich stutzen musste, als ich das erste Mal über den Begriff »Organisationsrebellen« stolperte.

 

Wie sollten diese zwei gegensätzlichen Begriffe zusammenpassen? Einerseits eine von Prozessen, Strukturen und Richtlinien bestimmte Einheit, die sich in erster Linie über Formalität definiert. Andererseits Menschen, die gegen all das aufbegehren und angehen, für das Erstere steht.

 

Liest man die Artikel zu diesem Thema, bekommt man schnell eine Ahnung, wie diese eigentlich unvereinbaren Elemente doch zusammen funktionieren können bzw. sollen: Organisationsrebellen sind Menschen, die trotz gegebener Umstände, also der oftmals zermürbenden Trägheit der Aufbau- und Ablauforganisation, Selbstverständlichkeiten hinterfragen, sich nicht mit einem »das haben wir schon immer so gemacht« zufriedengeben, mit anderen darüber in Dialog treten, Vorschläge und Ideen aufzeigen, wie es anders gehen kann, und all das, obwohl das sie umgebene System Ihnen Widerstand entgegenbringt. Und sie tun das nicht, weil es gut für den Lebenslauf oder gerade Mode ist, sondern, weil sie von einer inneren Leidenschaft für ihr Tun angetrieben werden und diesem selbstbewusst Ausdruck verleihen.

 

Organisationsrebellen sind aber nicht nur Einzelkämpfer. Es gibt sie auch in Teams. Als Teil der Organisation bilden sie »Inseln« im Organisationsozean, deren zentrale Aufgabe es ist, neue Ideen, Sichtweise und Impulse in die Organisation zu tragen, in der Hoffnung, diese umsetzen zu können, sofern sie auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Soweit meine Interpretation.

 

Nun frage ich: ist es das, was Sie sich unter dem Begriff Organisationsrebellen vorgestellt haben? Ganz ehrlich. Ich eher nicht.

 

Wobei Sie mich bitte nicht falsch verstehen sollen: die Idee der Organisationsrebellen ist eine verdammt gute Idee! Allerdings hapert es an der Umsetzung und »Einbindung«. Es geht nicht weit genug. Ist zu brav. Nicht gerade das, was man von Rebellen erwarten darf, oder?

 

Ich fühle mich eher an eine organisatorische Auslaufzone erinnert, innerhalb der man »mal gucken kann, was sich so ergibt. « Im schlimmsten Fall bleibt es nichts anderes als ein Spielplatz für Organisationskinder, auf dem sie sich austoben können, bevor sie wieder in die »Erwachsenenwelt« zurückkehren, in der die Dinge ebenso sind, wie sie schon immer waren. Das hat mehr mit »Rebellentum light« zu tun, oder Arbeitswelt-homöopathie, an deren Wirkung man glauben kann oder auch nicht.

 

Was meine Alternative ist? Wir brauchen Rebellen für die Organisation. Und diese Unterscheidung hat nichts mit Wortklauberei zu tun. Sie geht ans Eingemachte, wenn Sie den Sinn des Begriffes wörtlich nehmen.

 

Um zu verdeutlichen, was ich meine, will ich kurz von einer Begebenheit aus einer bierdurchtränkten Nacht berichten, in der ich mit einem Bekannten, der damals wie auch heute noch in der Verlagsbranche arbeitet, darüber diskutierte, wie Verlage Bestseller aufspüren können.

 

Bestseller, das sind jene Erfolgsgranaten der Buchbranche, die so völlig unvorhersehbar daherkommen, dass im Nachhinein ein Riesentamtam darum gemacht wird, den Erfolg zu erklären, um ihn zu wiederholen. Was in aller Regel nicht gelingt. Oftmals handelt es sich um Geschichten, die vorher niemand auf dem Schirm hatte oder denen der Erfolg – aufgrund der jahrzehntelangen Erfahrung sogenannter Branchenkenner – abgesprochen wurde. Wie also solche Juwelen finden, die anfangs gar nicht als diese zu erkennen sind?

 

Unsere Idee: ein Team, das losgelöst von Lektoren, Bereichsleitern und Programmkonferenzen Ideen und Manuskripte sichtet, diese ausschließlich aufgrund zukünftiger Potentiale – anstatt der vergangenen Erfahrung – bewertet, seine Vorschläge direkt den Entscheidungsträgern vorlegt und sich vor niemandem innerhalb der Verlagsorganisation rechtfertigen muss. Weil sie nicht dazugehören.

 

Das ist für mich der Kern von Rebellen für die Organisation!

 

Einzelne oder Teams, die nicht nur die Freiheit haben, Dinge anders zu denken und auszuarbeiten, sondern, die losgelöst von der bestehenden Organisation sind. Eben nicht im Organigramm »irgendwo« angebunden und sich gegenüber Vorgesetzten verantworten müssen. Eine Befehl- und Gehorsamkette kann es für Organisationsrebellen nicht geben. Sie brauchen den freien und gleichsam abgeschotteten Raum.

 

Und nein! Mit dieser Vorstellung meine ich keinesfalls, dass Sie sich Externe wie z.B. Berater ins Haus holen sollen, die für die Entscheidungsträger unangenehme Dinge vordenken und ausarbeiten. Das wären keine Rebellen für die Organisation, sondern Erfüllungsgehilfen für »business as usual«. Also allenfalls Rebellen gegen die Organisation.

 

Rebellen für die Organisation kommen aus der Organisation, sind aber nicht deren Teil, um sie dem Zugriff und den Einschränkungen der Hierarchie bewusst zu entziehen. Sie genießen Narrenfreiheit, denken und arbeiten aber nicht im luft- bzw. organisationsleeren Raum, sondern sind umsetzungsorientiert, haben also eine Vorstellung davon, wie man das Neue in die Organisation einbinden kann.

 

Mir ist natürlich klar, dass manche, die sich schon viel länger mit diesem Thema befassen, meine Idee mit einem müden Lächeln abtun und als naiv kennzeichnen. Denn schon sehe ich am Argumentationshorizont die dunklen Wolken ihrer Gegenargumente auftauchen; einige inhaltsorientiert, andere als Totschlagargumente:

 

»Wenn diese »Rebellen für die Organisation« nicht in der Organisation eingebunden sind, haben sie keine Fürsprecher oder Stakeholder, die ihre Ideen ernst nehmen. Also verpufft ihre Arbeit im Nichts.«

 

Falsch! Wer so denkt, würde nie auf die Idee kommen Rebellen für die Organisation einzurichten. Hier geht es auch um Einstellung und Bekenntnis zur Sache und natürlich auch den Mut, Ideen und Wahrheiten von Menschen zu akzeptieren und diesen zu folgen, die man nicht per Befehl zum Schweigen bringen kann.

 

»Wenn ich irgendwelchen Rebellen die Freiheit gebe, zu tun was sie wollen, endet alles im Chaos«

 

Falsch! Woher will man das wissen? Hat das jemand schon mal ausprobiert? Natürlich nicht! Deshalb ist das auch Unsinn. Zudem ist es nicht der Auftrag der Rebellen, die Organisation ins Chaos zu stürzen. Sie sollen sie dorthin bringen, wo sie bisher nicht war, weil sich niemand getraut hat, in diese Richtung zu denken. Allenfalls spricht aus diesem Einwand die Angst, dass die Organisation irgendwo hinsteuert, wo man es nicht für möglich gehalten hat. Aber hey, genau das ist aus sehr erfolgreichen Unternehmen geworden, die jetzt in unserem alltäglichen Leben omnipräsent sind. Denken Sie an Google, Facebook, Apple oder Tesla!

 

Aber wenn Sie da nicht hinwollen, weil es Ihren gedanklichen Horizont übersteigt, ist das auch ok. Nur brauchen Sie dann auch keine Rebellen für Ihre Organisation. Überlassen Sie das dann denen, die sich das zu trauen!

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