Selbstorganisation bei FAVI_New Work Experiences

Beschreibung der Methode & Hintergrund

 

Worum geht es?

Es gibt nur einen legitimen Arbeitsgrund für Unternehmen: den Kunden glücklich zu machen. Das zumindest sagt FAVI-Geschäftsführer Jean-François Zobrist. Die französische Gießerei produziert Druckgüsse aus Kupferlegierungen und verfolgt genau dieses Motto. Das Hauptziel der Mitarbeiter bei FAVI ist, ihre Kunden bestmöglich zufrieden zu stellen. Kundenorientierung in höchstem Maß und Teams, die sich anhand der spezifischen Bedürfnisse ihrer Kunden orientieren, zeichnen FAVI aus. Selbstorganisation in sogenannten „Mini Factories“ steht dabei im Vordergrund. Doch wie gelingt dies bei ca. 400 Mitarbeitern?

 

Wie funktioniert die Methode?

Eine Mini Factory besteht typischerweise aus 20-35 Mitarbeitern, den sogenannten Operators, und ihrer jeweiligen Führungskraft. Jede Mini Factory konzentriert sich vornehmlich auf einen Kunden oder ein spezifisches Produkt. Die Mini-Fabriken arbeiten dabei autonom und eigenständig – von der Planung und Organisation über den Verkauf bis hin zur Kundenbetreuung. Sie operieren frei und innerhalb informeller Netzwerke zwischen den Organisationseinheiten, ohne jegliche Form zentralisierter Koordination. Sie fungieren wie ein Ökosystem autonomer Zellen, die jederzeit ad hoc Lösungen für Kundenanfragen oder Marktentwicklungen finden können. Diese Autonomie zeigt sich auch im individuellen „Anstrich“ jeder Fabrik – und das nicht nur sprichwörtlich. Die Identifikation der Mitarbeiter zu ihrer Mini Factory wird unterstützt durch eine eigene Corporate Identity: entweder durch bestimmte Farben oder durch Einbindung des Logos des jeweiligen Kunden.

 

Auch im Bereich Führung schlägt FAVI moderne Wege ein – so existieren nur zwei Hierarchieebenen innerhalb der Mini-Fabriken: die Operatoren und die, von den Operatoren demokratisch gewählten, Führungskräfte. Letztere müssen erst mehrere Jahre Erfahrung als Operator an den Fabrikmaschinen nachweisen können. Somit besitzt die entsprechende Person sowohl fachliches Know-How als auch eine fundierte und langjährige Mitarbeiterperspektive. Die Führungskräfte übernehmen alle Verantwortlichkeiten für die Mini-Fabrik – von Gehältern und Urlaubstagen über Rekrutierung und Onboarding bis hin zur Weiterentwicklung der Mitarbeiter. Die Berichterstattung der Führungskräfte geht dabei nur direkt an die jeweiligen Kunden und die eigenen Mitarbeiter in den einzelnen Mini-Fabriken. Jegliche Einflussnahme durch das Management ist weder erwünscht noch gestattet.

 

Die Mini-Fabriken zeichnen sich durch bestimmte Merkmale aus, wodurch sie hoch effizient, adaptiv und produktiv arbeiten können – CEO Zobrist bezeichnet diese auch als „Die vier Prinzipien der Prostitution”:

1. Zeig dich.

Wenn du immer nur im Zimmer bleibst, findest du keine neuen Kunden. Du musst dich immer zeigen. Zeig dich Kunden, potenziellen Kunden, deiner Familie, deinen Freunden und allen, die für dich nützlich sein könnten.

2. Benutze Make-up exzessiv, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Für FAVI ist ein guter Eindruck der Produktionsstätten wichtig. Bei Maschinen wird deshalb nicht nur auf Sauberkeit, sondern auch auf möglichst helle Farben geachtet.

3. Du benötigst eine oder zwei Spezialitäten.

Damit die Kunden nicht „zuhause“ bleiben, musst du mehr für deine Kunden tun als sie es selbst oder anderweitige Dienstleister können.

4. Übertrage keine Krankheiten.

Wenn du dies tust, verlierst du deine Kunden und ebenso die Freunde deiner Kunden. Diese werden dann kein Risiko mehr eingehen wollen und anderswo hingehen.

 

Welche Herausforderungen hat FAVI?

Innerhalb einer Mini-Fabrik erscheint die Autonomie rundum erfolgsversprechend. Doch es gilt: Ohne koordinierte Kommunikationsschnittstellen können maßgebliche Probleme und Herausforderungen entstehen, indem potenzielle Synergieeffekte zwischen den Mini-Fabriken nur unzureichend genutzt werden. Dazu zählen beispielsweise unentdecktes Know-how durch mangelnden Austausch von Wissen. Eine direkte Organisation, die sich nur nach Kunden richtet, kann Perspektiven entsprechend einengen.

 

Welche Chancen bieten sich FAVI?

Die Grundvoraussetzung für erfolgreiches Agieren der Mini-Fabriken liegt für Zobrist insbesondere in dem Grundprinzip von Vertrauen statt Kontrolle. Im Rahmen dieses Ansatzes wurden verschiedene Maßnahmen zum Abbau von Status-Symbolen getroffen: Arbeitszeitmessungen wurden abgeschafft, alle Schlösser von Vorratsräumen entfernt, allen Mitarbeitern Getränke an Automaten frei verfügbar gemacht, Abschaffung des Bonussystems sowie die Eliminierung aller Abteilungen, wie beispielsweise HR und Einkauf.

 

All diese Aktionen fußen auf der Annahme, dass alle Menschen – also auch die Mitarbeiter eines Unternehmens – in ihrem Kern gut sind. Durch das zugesprochene Vertrauen sollen sie ermutigt werden, frei zu denken und zu agieren. Die Folgen: hohes Commitment und Engagement der Mitarbeiter für die Unternehmensziele.

 

Quellen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare

  1. Max Wondraschek am

    Part II des Original Blog Posts wäre noch ganz erwähnenswert: Jean Francois Fabriste hat seine Rolle als CEO von Favi 2009 abgegeben. Und unter einem neuen Eigentümer, der die Genialität dieses Ansatzes nicht verstehen konnte, sind in kürzester Zeit alle Errungenschaften über Bord gegangen: http://corporate-rebels.com/favi-part-2/

    Antworten
    • Haufe am

      Hallo Herr Wondraschek, vielen Dank für Ihren ergänzenden Kommentar. Es stimmt, der innovative Ansatz von FAVI ist leider nicht fortgesetzt worden. Mit unserem Beitrag haben wir uns stark auf die ehemals angewandte Methodik und deren Hintergründe fokussiert, für die FAVI auch heute noch als Best Practice gelten kann. Wenn wir die Entwicklung des Unternehmens im Verlauf der letzten Jahre betrachten, wird hingegen deutlich, dass eine Abkehr von innovativen Ansätzen zurück zu klassischen Hierarchien extrem schädigend für den Unternehmenserfolg sein kann.

      Antworten

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